Bei seinen täglichen Gängen macht er die Stadt Stück für Stück schöner.
16.02.2009 04:18
Menschen: Roland Saß
Unsere Stadt mit jedem Tag in bisschen schöner machen. So könnte man bezeichnen, was Roland Saß tut. Täglich zieht er durch die Straßen und beseitigt das, was andere Leute weggeworfen oder "vergessen" haben. Unentgeltlich, aus Privatinitiative. "Ist doch nichts dabei", sagt er bescheiden. Und gerade diese Selbstverständlichkeit ist es, die diesen Mann zu etwas Besonderem macht. Roland Saß wurde deshalb als Kandidat zum „Magdeburger des Jahres 2006 “ vorgeschlagen. (Von Birgit Ahlert)
Magdeburg.Szene aus dem Alltag: Ein Auto fährt die Straße entlang, ein Fenster wird geöffnet – und schwups fliegen Zigarettenkippen oder Knüllpapier heraus, Bananen- oder Apfelsinenschalen … Doch auch Fußgänger sind nicht besser. Bierdeckel liegen auf der Straße, Knüllpapier am Weg, Flaschen im Gebüsch. Müll, Schrott, Autoreifen – es ist erstaunlich,was manche Leute einfach so am Wegesrand entsorgen. „Am Anfang dachte ich, das schaffe ich nie “, sagt Roland Saß. Der Mann aus Rothensee hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ordnung zu schaffen. So gut wie täglich geht er los, er los, zieht durch die Straßen des Wohngebietes und klaubt das auf, was andere achtlos weggeworfen haben. Nicht, weil ihn jemand dazu aufgefordert hätte. Nicht, weil er dafür bezahlt wird. Er tut es einfach. Hat sogar den Müll per Container fortschaffen lassen, auf eigene Kosten. „Nach dem Warum habe ich mich nie gefragt, einfach angefangen“, erzählt er. Spricht leise, klingt schüchtern, möchte nicht ins Rampenlicht. „Es ist doch nichts Besonderes, was ich mache.“ Fast verschämt sagt er das.
Seit über 20 Jahren wohnt Roland Saß in Rothensee. Angefangen hat sein Bemühen sozusagen vor der eigenen Haustür. Es war ein milder Neujahrsmorgen im Jahr 1998. Schnee hatte es nicht gegeben, der oftmals die Silvesterreste verdeckt. „Es sah einfach nicht schön aus mit all den Sachen, die auf der Straße lagen“, erinnert er sich. Also hat er begonnen, den Müll wegzuräumen. Später ging er die Straße entlang, in der er wohnt. Danach die Seitenstraßen. Nach und nach erweiterte er „sein Revier“.
Der schöne Anblick von frischem Grün wirkt nur, wenn kein Müll dazwischen liegt, erklärt er. Und erzählt: Da gab es eine Brachfläche in der Nähe, die war total verwildert. In mühevoller Kleinarbeit hat Roland Saß sich des Gebietes angenommen, Stück für Stück aus dem mit Gras und Sträuchern bewachsenen Grundstück entfernt, was andere achtlos hingeworfen hatten. Autoreifen, Schrott, Müll, Brennholz, Schadstoffe wie Ölbehälter – sortiert und entsorgt. Kaum geschafft, kam er eines Tages wieder dort entlang, und „plötzlich waren alle Sträucher weg“. Das schöne Grün, das durch seinen Fleiß wieder gedeihen konnte. „Das macht dann schon traurig.“
Doch sonst freut er sich darüber, was er geschafft hat. Vielleicht ist es sein Sinn fürs Schöne, dass ihn das tun lässt. Denn Roland Saß hat einen guten Blick für natürliche Schönheiten. Zu seinen Hobbys gehört das Fotografieren. Er machte wunderbare Landschaftsaufnahmen, auf denen Licht und Schatten spiegeln oder mit Farbenspielen.Entstanden im Herrenkrug und im Harz, in Wefensleben wie in Dresden. Einmal sogar wurden sie öffentlich gezeigt, initiiert von der Grünen Liga. Eine richtige Ausstellung, ja, das wäre sein Traum, erzählt er. Und noch einen Traum hat er: Einmal an einem richtigen Flügel spielen. Ganz allein,sagt er,nur für sich. Dabei bekommen seine Augen einen strahlenden Glanz. Er spielt gern Klavier zu Hause, meist abends, einfach nur so zum Tagesausklang. Das meiste hat er sich selbst beigebracht, eine Zeit lang aber auch Klavierunterricht genommen. Als er das Instrument für sich entdeckte, war er 37 Jahre alt. „Zu spät,um daraus mehr zu machen“, bedauert er.
Beruflich war Roland Saß früher als Ingenieur bei der Bahn
beschäftigt. In den ersten Jahren eine spannende Zeit, erzählt
er, nach der Wende jedoch gab es zusehends Probleme, später Krankheit
und Arbeitslosigkeit. Doch zu Hause sitzen, ist seine Sache nicht. „Ich
muss immer etwas tun“, erzählt der 49-Jährige. Eine
Umschulungsmaßnahme zum Tischler hat er mit-
gemacht, später eine Zeit lang Zeitungen ausgetragen. Damals fing
es schon an, besinnt er sich, dass er auf den Wegen wegsammelte, was
andere achtlos hingeworfen hatten. Mittlerweile sorgt er nicht nur in
Rothensee für Ordnung, sondern bis nach Neustadt zieht es ihn und
sogar an die Elbe. „Da ist es sehr schön“, schwärmt
Roland Saß, „wenn
nur nicht so viele Leute ihren Müll dorthin werfen würden.“
Die meiste Arbeit gibt es zum Jahreswechsel im Wohngebiet. „Endlos Silvesterdreck“, sagt Roland Saß, zuckt mit den Achseln und lächelt. Es sei in den letzten Jahren ja schon weniger geworden mit der Knallerei und deren Überresten. Schlimmer, sagt er dann, ist „der typische tägliche Restmüll, den die Leute so wegwerfen“. Oder den Müll unsortiert vor dem Container ablegen. Darauf angesprochen, hat er die Antwort erhalten: „Sie kommen doch und machen ’s weg.“ Als sei das eine Selbstverständlichkeit.
(Volksstimme Magdeburg vom 16.12.2006)







